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Startseite › Google Wave – Eine Einschätzung der Potenziale des Mediums

Google Wave aus der Perspektive der Media Synchronicity Theory

Pascal — Mi, 23/09/2009 - 15:42

Die moderne Gesellschaft verwendet eine Vielzahl verschiedener Medien, um miteinander zu kommunizieren. Anzahl und Gewohnheiten der an der Kommunikation beteiligten Personen und deren Standort spielen bei der Medienwahl eine wichtige Rolle, ebenso wie der zeitliche Kontext.1 Kommunikation kann gleichzeitig geschehen, wie etwa im persönlichen Gespräch. Im anderen Extrem kann sie völlig asynchron erfolgen, wie etwa bei der Bearbeitung von Klausuren und der anschließenden Bewertung. Der technologische Fortschritt führte zu zwischen den Extremen existierenden Mischformen. Die Wissenschaft stellt sich in diesem Kontext die Frage, welches Medium unter welchen Bedingungen den angemessensten Wissenstransfer gewährleistet. Aus Sicht des Medium ließe sich vereinfacht nach der Größe des Einsatzraumes fragen.

Die Media Synchronicity Theory (MST) baut auf der renommierten Media Richness Theory auf. Letztere konnte in empirischen Untersuchungen die Nutzung elektronischer Medien kaum erklären2, weshalb von Dennis u.a. (1999) ein neuer Ansatz gewählt wurde. Wo die Media Richness Theory die Perspektive der Aufgabenorientierung zur Grundlage nimmt, spricht die Media Synchronicity Theory von einer Ergebnisorientierung. Das verwendete Medium hat also nicht nur zur vorliegenden Aufgabe zu passen („task-media fit“), wie es die Media Richness Theory annimmt. Die Medienselektion hängt vielmehr von dem beabsichtigten Kommunikations-Ziel ab („outcome-centered approach“).3 Die MST versucht Mediennutzung über die Art des Kommunikationsprozesses und seine Anforderungen an die Informationsverarbeitungskapazität des Mediums zu erklären.4 Conveyance (Informationsübermittlung) und Convergence (Konvergenz) sind hierbei die beiden tragenden Prozessbestandteile, die stets zum Erreichen eines (Gruppen-) Ergebnis nötig sind.

Das Ziel von Informationsübermittlungsprozessen ist das Sammeln von Informationen, die bei der Beurteilung einer Situation helfen. Menschen setzten dazu ein Set von Strategien5 ein. Sie führen die „Action“-Strategie aus, indem sie Fragen an ihre Gruppe stellen oder Vorschläge machen und daraufhin auf Rückantworten warten. Weiterhin kommt die Strategie der Triangulation zum Einsatz, in der Informationen verschiedener Quellen gesucht und miteinander abgewogen werden. In der dritten Strategie, der Kontextualisierung, werden neue Situationen mit bereits bekannten Situationen verglichen. Schlussendlich werden die bislang gesammelten Informationen in der „Deliberation“-Phase sorgfältig durchdacht.

Die fünfte Strategie der Informationsverarbeitung ist die der „Affiliation“. In ihr trachtet der Anwender danach, die Auffassung der anderen Gruppenmitglieder bezüglich der Information zu verstehen. Zielsetzung dieser Strategie ist also das Entwickeln einer gemeinsamen Auffassung der Situation oder anders gesagt, das Erreichen einer hohen Konvergenz. Dazu finden Vergleiche der Auffassungen zwischen den Individuen statt und das gesamte Set an Information auf ein gemeinsam akzeptiertes Maß destilliert. Ergebnis dieses Prozess kann aber auch die Aussage der Gruppe sein, dass sich kein gemeinsames Set finden lässt.

Das Bearbeiten einer Aufgabe bedingt nach Dennis u.a. (2008) in jedem Fall beide Subprozesse, also Conveyance und Convergance. Gestörte Informationsübermittlungsprozesse führen zu inadäquaten Schlussfolgerungen, die Behinderung von Konvergenzprozessen blockiert das Vorankommen in der Gruppe.

Konvergenz reduziert Mehrdeutigkeit, Informationsübermittlung reduziert Unsicherheit. Fünf Medien-Charakteristika haben Dennis u.a. (1999) identifiziert: Symbolvarietät, Geschwindigkeit des Feedbacks, Parallelität, Überarbeitbarkeit und Wiederverwendbarkeit. Sie nehmen auf die beiden Kommunikations-Sub-Prozesse Einfluss.

Primäre und von ihrer Natur aus gegenläufige Charakteristika eines Medium sind hierbei Geschwindigkeit des Feedbacks und Parallelität.6 Die Kombination beider Faktoren ergibt den Grad der Synchronität. Medien mit hoher Synchronität weisen eine hohe Geschwindigkeit des Feedbacks und niedrige Parallelität auf. Sie eignen sich für Kommunikationsprozesse, in denen Konvergenz, also ein hoher Grad an Konsens in der Gruppe, das Ziel ist. Niedrige Synchronität verhält sich demgegenüber invers und unterstützt Kommunikationsprozesse, deren Ziel die Informationsübermittlung / der Informationsaufbau ist. Mediensynchronität ist also das Maß des gemeinsamen Fokus, das durch das Medium gegeben wird.7 Die MST sagt weiterhin aus, dass eingespielte Gruppen ein niedrigeres Maß an Synchronität benötigen, als neu gebildete Gruppen. Eingespielte Gruppen differenzieren sich von neuen Gruppen durch dort bereits abgelaufene soziale Gruppenorganisationsprozesse8, welche in etablierten Normen münden. Neu zusammengesetzte Gruppen müssen diese Normen erst definieren, wozu Kanäle nötig sind, die eine gegenseitige Annäherung stützen.9 Man spricht, aufbauend auf der TIP Theory, von in der Gruppe angewandten Produktions- und Sozialfunktionen.10

Im Folgenden wird näher auf jene Charakteristika eingegangen, welche Conveyance- & Convergence-Prozesse nach Dennis u.a (1999, 2008) zentral beeinflussen und eingeschätzt, wie sich der Faktor in Google Wave präsentiert. Die MST sagt aus, dass die Eignung des Mediums von den Ansprüchen der Situation an die fünf Charakteristika des Mediums abhängt.11 Ist es möglich, ein Medium so flexibel zu gestalten, dass sich aus ihm ein breiteres Einsatzspektrum ergibt, als für bisherige Medien?

1Vgl. [Picot/Reichwald/Wigand, 1996], S. 92ff.; [Borghoff/Schlichter, 2000], S. 128f.

2Vgl. [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 49; [Markus, 1994, S. 502ff.]; [Kreijns, 2004, S. 26].

3Vgl. [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 48.

4Vgl. [Dennis/Fuller/Valacich, 2008], S. 584.

5Vgl. [Jussup/Valacich, 1993], S. 235ff.

6Vgl. [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 50.

7Vgl. [Dennis/Valacich, 1999], S. 15.

8Vgl. [Tuckman, 1965, S. 248ff.]

9Vgl. [Dennis/Valacich, 1999], S. 18.

10Vgl. [Dennis/Fuller/Valacich, 2008], S. 577ff.

11Vgl. [Dennis/Fuller/Valacich, 2008], S. 593ff.

 

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