Google Wave – Eine Einschätzung der Potenziale des Mediums

Ende 2009 wird Google der Öffentlichkeit den Zugriff auf ein neues Medium gestatten. Dieses Medium nennt sich Google Wave. Das Produkt soll E-Mail, Instant-Messaging und Kollaboration zusammenführen und durch eine hohe Erweiterbarkeit brillieren. Wichtig ist das Erscheinen dieses neuen Mediums, da die Art und Weise, in der Menschen computerunterstützt in Gruppen zusammenarbeiten (CSCW), maßgeblich durch neue Technologien und nicht etwa durch Teamwork an sich beeinflusst wird.1 Allein zweidrittel ihrer Zeit verbringen Manager in mittleren und hohen Positionen mit Kommunikation, wobei ihre Aufgaben meist recht spezifisch sind und sich durch eine hohe Komplexität auszeichnen. Im Zuge der Globalisierung werden mit der Zunahme der örtlichen Entfernung teilnehmender Kommunikationspartner und zunehmend unternehmensübergreifenden Aufgaben neue Kommunikationsformen notwendig,2 die vielseitig einsetzbar sind. Unternehmensübergreifende Kommunikation heißt aber auch, dass ein gemeinsames Kommunikationssystem von allen Kommunikationspartnern akzeptiert werden muss, auch wenn diese verschiedene Einstellungen, Hintergründe und Erfahrungen in Bezug auf ihre Kommunikationsgepflogenheiten haben.3 „Das Ziel von Google besteht darin, die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen“4, offenbart der erfolgreiche Internetgigant. Diese Vision nimmt auch Einfluss auf Kommunikation im geschäftlichen, wie im privaten Bereich. Google Wave versucht den Themenkomplex der Zusammenarbeit über das Internet neu zu erfinden, wobei auch die bereits angesprochene Frage erhöhter Flexibilität bei hoher Benutzerfreundlichkeit aufgegriffen wird. Der Beschreibung des Produktes sei zur Grundlagenbildung Kapitel zwei der Arbeit gewidmet.

Nachdem Google Wave, seine Funktionen und Fähigkeiten als solche bekannt sind, stellt sich die Frage, in wieweit es als Medium interessant ist. Erstreckt sich der Einsatzspielraum einer Wave über den gesamten Raum der bewährten elektronischen Kommunikations- und Kollaborationsmittel von E-Mail bis Instant-Messaging? Diese Frage wird unter Zuhilfenahme der Media Synchronicity Theory in Teil drei der Arbeit behandelt. Jene Theorie wurde als Basis gewählt, da sie explizit im Kontext neuer Medien entwickelt wurde. Lässt sich die Nutzung neuer Medien durch die Media Synchronicity Theory erklären, so lassen sich auch Einschätzungen der Attraktivität von Google Wave als Medium treffen. Kapitel drei dieses Dokumentes widmet sich hierzu insbesondere den fünf Faktoren der Theorie und stellt sie in Bezug zu Google Wave.

Die Untersuchung von Google Wave mittels Media Synchronity Theory wird herausstellen, dass das Medium sehr flexibel ist und sich für den Einsatz in verschiedensten (Kommunikations-) Situationen eignet. Ein praktisches Beispiel ergänzt die theoretische Betrachtung im vierten Segment der Arbeit. Währenddessen wird kurz auch auf Unterschiede zu anderen Medien hingewiesen. Die in Teil drei aufgestellten Thesen bezüglich der Charakteristiken des Mediums werden so zumindest grob geprüft. Zeitgleich soll das Anwendungsbeispiel dabei helfen, die Flexibilität des Mediums zu begreifen und einen Einblick in den praktischen Umgang mit der neuen Technologie zu gewinnen.

Schlussendlich findet sich im letzten Teil der Arbeit eine abschließende Einschätzung der Potentiale von Google Wave. In diesem Zug werden neue Fragen aufgeworfen, welche vor einer endgültigen Bewertung von Google Wave als neues Instrument der E-Collaboration zu untersuchen sind.

1Vgl. [Borghoff/Schlichter, 2000], S. 90.

2Vgl. [Picot/Reichwald/Wigand, 1996], S. 92ff.

3Vgl. [Borghoff/Schlichter, 2000], S. 128f.

4Vgl. [http://www.google.de/intl/de/corporate/].

 

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Google Wave – Eine Einschätzung der Potenziale des Mediums (PDF)519.2 KB

Einführung in Google Wave

Google Wave is a new tool for communication and collaboration on the web1, gibt Google auf der Homepage des Ende 2009 erwarteten Produktes bekannt. Doch was soll Google Wave von bisherigen Kommunikations- und Kollaborations-Tools unterscheiden?

Eine „Wave“ ist zu gleichen Teilen Konversation wie auch Dokument.2 Sie basiert auf einem neu geschaffenen, an XMPP angelehnten Protokoll3, das Echtzeit-Kommunikation in geteilten Umgebungen ermöglicht ohne Inhaltstypen zu limitieren. Alle Inhalte einer Wave können gemeinsam und in Echtzeit mit in die Wave eingeladenen Nutzern bearbeitet werden. Die Reichhaltigkeit dieser Inhalte erstreckt sich von Texten über Bilder bis hin zu interaktiven digitalen Karten und ganzen Applikationen. Eine Wave eignet sich genauso für schnelle Chats, wie für persistente Dokumente. Sie sei vereinfacht als Container einer (Gruppen-) Kommunikation beschrieben.

Google Wave ist als OpenSource Anwendung konzipiert und stellt bereits in der Alpha-Version eine umfangreiche API zur Verfügung. Stakeholder können das Wave-Protokoll selbst implementieren und auf Basis der von Google veröffentlichten Codes auf ihre Bedürfnisse angepasste Wave-Clients und -Server, sowie -Extensions entwerfen. Das Konzept der Wave kann somit als neuer Standard von anderen Unternehmen aufgegriffen werden, wobei das offene Protokoll die Interoperabilität zwischen verschiedenen Wave-Servern sicherstellen soll. Die Flexibilität des neuen Protokolls zeigt sich in einer hohen Erweiterbarkeit, welche sich in den Konzepten der Wave-Gadgets und Wave-Robots manifestiert. Gadgets sind hierbei in sich geschlossene Anwendungen, die in Waves (den Kommunikations-Containern) ablaufen. Hierbei kann es sich etwa um Gesellschaftsspiele oder virtuelle Karten handeln. Ein Gadget kann die Wave, in welcher es sich befindet, nicht manipulieren. Dazu sind jedoch Robots im Stande. Robots werden einer realen Person gleich in Waves eingeladen. Sie erwerben damit, wie ein echter Nutzer auch, Rechte an der Wave. Robots sind somit in der Lage, Waves zu manipulieren. Eine hohe Integrierbarkeit wird über die Embed-API erreicht. Ähnlich eines YouTube-Videos können auch Waves in Websites eingebunden werden. Waves können also auch außerhalb der Mutteranwendung existieren.

Die technische Perspektive zum Aufbau einer Wave ist in der Daft Protocol Spec4 niedergelegt. Eine Wave besteht demnach aus Wavelets, welche aus einer Teilnehmer-Liste und Dokumenten zusammengesetzt ist. Bei Wavelets handelt es sich folglich um das Element, in dem Nutzungsrechte abgelegt werden. Über die Manipulation der Teilnehmer-Liste lässt sich steuern, wer auf die Inhalte eines Wavelets zugreifen kann und wer nicht. So ist auch möglich, innerhalb einer Wave private Beiträge zu verfassen, die nur ein bestimmtes Subset der Benutzer der darüber-liegenden Instanz erreichen. Öffentliche Waves, die von allen an das Wave-Netzwerk angeschlossenen Anwendern genutzt werden können, werden über die Einladung eines speziellen Pseudo-Benutzers erzeugt. Dieser Benutzer repräsentiert die Gruppe aller Wave-User. Besonders an dieser Stelle werden read-only Optionen, welche Schreibrechte an Waves limitieren, interessant. Solcherlei Funktionen sind im Protokoll vorgesehen5, in der Developer-Preview bislang allerdings nicht implementiert. Dokumente, die zweite Sorte Element in Wavelets, werden über XML und Annotationen beschrieben. Repräsentiert ein Dokument eine Rich-Text-Nachricht, so wird es als Blip bezeichnet. Ein Dokument kann außerdem für den Nutzer im Kommunikationsablauf nicht sichtbare Informationen tragen, wie etwa Tags. Die Kommunikation von Veränderungen in der Wave geschieht in Operations. Durchgeführte Operationen werden in der Revisionskontrolle dokumentiert. Eine Wave lässt sich folglich auf bestimmte Stati zurücksetzen, in ihr durchgeführte Änderungen sind jederzeit nachvollziehbar. Die Funktion spiegelt sich in dem Playback-Feature, welche den gesamten Ablauf bis zum aktuellen Zeitpunkt ähnlich einem Video abspielt. Eine Modifikation eines Wavelets wird unter Nutzung der „operational transformation“6 an alle interessierten Server und Clients weitergereicht. Das Protokoll zwingt hierbei dazu, die Verbindung mit TLS zu verschlüsseln. Auch sonst ist bei dem Design von Google Wave der Sicherheit Rechnung getragen. So müssen sich Wave-Server zum Beispiel über Zertifikate ausweisen, kryptografische Methoden, wie Hash-Funktionen, Hash-Trees, Signaturen und Safe Encoding sind angedacht.7

Waves sind, ähnlich wie Wiki-Seiten, untereinander verlinkbar. Weiterhin lässt sich aus jedem Wavelet eine neue Wave erstellen. Nichtlineare Hypertextstruktur, einfacher und weitgehender Zugriff, keine Client-Software, soziale Prozesse im Vordergrund, einfache Nutzung.8 Durch diese Punkte klassifizieren Ebersbach u.a. (2005) bereits Wikis. Jeden dieser Punkte könnte man auch in Bezug auf Google Wave nennen. Google denkt diese Aspekte weiter: Der Web-Client erlaubt das einfache einfügen von Dokumenten, Bildern und anderer Waves in eine Wave per Drag-and-Drop. Der Client stellt bekannte Dateitypen umgehend entsprechend ihrer üblichen Verwendung dar. In die Anwendung gezogene Bilder erscheinen als Thumbnail, das nach einem Klick einen Layer mit dem Originalbild öffnet und eine Gallery mit anderen Bildern in der Wave formen kann. PDF werden hingegen angehängt, in die Diskussion gezogene Waves bilden den passenden Hyperlink. Auch eine Wave-Syntax muss der normale Wave-Nutzer im Gegensatz zu Wiki-Nutzern nicht beherrschen. Der WYSIWYG-Editor erinnert an vertraute Office-Programme oder Google Docs.

Seit Mai 2009 erteilt Google einer Auswahl interessierter Entwickler den Zugriff auf eine frühe Developer-Version einer Wave-Umgebung. Dieses für Google untypische Verhalten legt den Verdacht nahe, dass in Bezug auf Wave ein Fokus auf die Mitarbeit externer Entwickler gesetzt wird. Schließlich werden diese mit ihren Applikationen Waves erweitern, sowie Waves in eigene Anwendungen einbinden. Damit haben sie einen Einfluss auf den Nutzen, die Sichtbarkeit und die Verbreitung von Google Wave und der Idee der Wave im Allgemeinen.

Die Frage danach, ob sich alle (oder viele) der heute im Web genutzten Kommunikationsformen auf eine gut nutzbare Art und Weise vereinen lassen, beantwortet Google unter Ausreizung der heute verfügbaren Web-Technologien.9

Welcher Qualität jene Antwort von Google ist, soll nun im folgenden Kapitel anhand der Media Synchronicity Theory festgestellt werden. Einschätzungen, die sich aus dieser Untersuchung ergeben, werden in Teil vier der Arbeit in einem praktischen Anwendungsbeispiel erneut betrachtet.

1Vgl. [http://wave.google.com/].

2Vgl. [http://wave.google.com/help/wave/about.html].

3Vgl. [http://www.waveprotocol.org/draft-protocol-spec].

4Vgl. [http://www.waveprotocol.org/draft-protocol-spec].

5Vgl. [http://www.waveprotocol.org/whitepapers/access-control].

6Vgl. [http://www.waveprotocol.org/whitepapers/operational-transform].

7Vgl. [Kissner/Laurie, 2009], S. 4f.

8Vgl. [Ebersbach/Glaser/Heigl], S. 13f.

9Vgl. [http://googleblog.blogspot.com/2009/05/went-walkabout-brought-back-google-wave.html].

 

Google Wave aus der Perspektive der Media Synchronicity Theory

Die moderne Gesellschaft verwendet eine Vielzahl verschiedener Medien, um miteinander zu kommunizieren. Anzahl und Gewohnheiten der an der Kommunikation beteiligten Personen und deren Standort spielen bei der Medienwahl eine wichtige Rolle, ebenso wie der zeitliche Kontext.1 Kommunikation kann gleichzeitig geschehen, wie etwa im persönlichen Gespräch. Im anderen Extrem kann sie völlig asynchron erfolgen, wie etwa bei der Bearbeitung von Klausuren und der anschließenden Bewertung. Der technologische Fortschritt führte zu zwischen den Extremen existierenden Mischformen. Die Wissenschaft stellt sich in diesem Kontext die Frage, welches Medium unter welchen Bedingungen den angemessensten Wissenstransfer gewährleistet. Aus Sicht des Medium ließe sich vereinfacht nach der Größe des Einsatzraumes fragen.

Die Media Synchronicity Theory (MST) baut auf der renommierten Media Richness Theory auf. Letztere konnte in empirischen Untersuchungen die Nutzung elektronischer Medien kaum erklären2, weshalb von Dennis u.a. (1999) ein neuer Ansatz gewählt wurde. Wo die Media Richness Theory die Perspektive der Aufgabenorientierung zur Grundlage nimmt, spricht die Media Synchronicity Theory von einer Ergebnisorientierung. Das verwendete Medium hat also nicht nur zur vorliegenden Aufgabe zu passen („task-media fit“), wie es die Media Richness Theory annimmt. Die Medienselektion hängt vielmehr von dem beabsichtigten Kommunikations-Ziel ab („outcome-centered approach“).3 Die MST versucht Mediennutzung über die Art des Kommunikationsprozesses und seine Anforderungen an die Informationsverarbeitungskapazität des Mediums zu erklären.4 Conveyance (Informationsübermittlung) und Convergence (Konvergenz) sind hierbei die beiden tragenden Prozessbestandteile, die stets zum Erreichen eines (Gruppen-) Ergebnis nötig sind.

Das Ziel von Informationsübermittlungsprozessen ist das Sammeln von Informationen, die bei der Beurteilung einer Situation helfen. Menschen setzten dazu ein Set von Strategien5 ein. Sie führen die „Action“-Strategie aus, indem sie Fragen an ihre Gruppe stellen oder Vorschläge machen und daraufhin auf Rückantworten warten. Weiterhin kommt die Strategie der Triangulation zum Einsatz, in der Informationen verschiedener Quellen gesucht und miteinander abgewogen werden. In der dritten Strategie, der Kontextualisierung, werden neue Situationen mit bereits bekannten Situationen verglichen. Schlussendlich werden die bislang gesammelten Informationen in der „Deliberation“-Phase sorgfältig durchdacht.

Die fünfte Strategie der Informationsverarbeitung ist die der „Affiliation“. In ihr trachtet der Anwender danach, die Auffassung der anderen Gruppenmitglieder bezüglich der Information zu verstehen. Zielsetzung dieser Strategie ist also das Entwickeln einer gemeinsamen Auffassung der Situation oder anders gesagt, das Erreichen einer hohen Konvergenz. Dazu finden Vergleiche der Auffassungen zwischen den Individuen statt und das gesamte Set an Information auf ein gemeinsam akzeptiertes Maß destilliert. Ergebnis dieses Prozess kann aber auch die Aussage der Gruppe sein, dass sich kein gemeinsames Set finden lässt.

Das Bearbeiten einer Aufgabe bedingt nach Dennis u.a. (2008) in jedem Fall beide Subprozesse, also Conveyance und Convergance. Gestörte Informationsübermittlungsprozesse führen zu inadäquaten Schlussfolgerungen, die Behinderung von Konvergenzprozessen blockiert das Vorankommen in der Gruppe.

Konvergenz reduziert Mehrdeutigkeit, Informationsübermittlung reduziert Unsicherheit. Fünf Medien-Charakteristika haben Dennis u.a. (1999) identifiziert: Symbolvarietät, Geschwindigkeit des Feedbacks, Parallelität, Überarbeitbarkeit und Wiederverwendbarkeit. Sie nehmen auf die beiden Kommunikations-Sub-Prozesse Einfluss.

Primäre und von ihrer Natur aus gegenläufige Charakteristika eines Medium sind hierbei Geschwindigkeit des Feedbacks und Parallelität.6 Die Kombination beider Faktoren ergibt den Grad der Synchronität. Medien mit hoher Synchronität weisen eine hohe Geschwindigkeit des Feedbacks und niedrige Parallelität auf. Sie eignen sich für Kommunikationsprozesse, in denen Konvergenz, also ein hoher Grad an Konsens in der Gruppe, das Ziel ist. Niedrige Synchronität verhält sich demgegenüber invers und unterstützt Kommunikationsprozesse, deren Ziel die Informationsübermittlung / der Informationsaufbau ist. Mediensynchronität ist also das Maß des gemeinsamen Fokus, das durch das Medium gegeben wird.7 Die MST sagt weiterhin aus, dass eingespielte Gruppen ein niedrigeres Maß an Synchronität benötigen, als neu gebildete Gruppen. Eingespielte Gruppen differenzieren sich von neuen Gruppen durch dort bereits abgelaufene soziale Gruppenorganisationsprozesse8, welche in etablierten Normen münden. Neu zusammengesetzte Gruppen müssen diese Normen erst definieren, wozu Kanäle nötig sind, die eine gegenseitige Annäherung stützen.9 Man spricht, aufbauend auf der TIP Theory, von in der Gruppe angewandten Produktions- und Sozialfunktionen.10

Im Folgenden wird näher auf jene Charakteristika eingegangen, welche Conveyance- & Convergence-Prozesse nach Dennis u.a (1999, 2008) zentral beeinflussen und eingeschätzt, wie sich der Faktor in Google Wave präsentiert. Die MST sagt aus, dass die Eignung des Mediums von den Ansprüchen der Situation an die fünf Charakteristika des Mediums abhängt.11 Ist es möglich, ein Medium so flexibel zu gestalten, dass sich aus ihm ein breiteres Einsatzspektrum ergibt, als für bisherige Medien?

1Vgl. [Picot/Reichwald/Wigand, 1996], S. 92ff.; [Borghoff/Schlichter, 2000], S. 128f.

2Vgl. [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 49; [Markus, 1994, S. 502ff.]; [Kreijns, 2004, S. 26].

3Vgl. [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 48.

4Vgl. [Dennis/Fuller/Valacich, 2008], S. 584.

5Vgl. [Jussup/Valacich, 1993], S. 235ff.

6Vgl. [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 50.

7Vgl. [Dennis/Valacich, 1999], S. 15.

8Vgl. [Tuckman, 1965, S. 248ff.]

9Vgl. [Dennis/Valacich, 1999], S. 18.

10Vgl. [Dennis/Fuller/Valacich, 2008], S. 577ff.

11Vgl. [Dennis/Fuller/Valacich, 2008], S. 593ff.

 

Symbolvarietät & Google Wave

Die Charakteristik Symbolvarietät ist der Media Richness Theorie entliehen. Mit der Komplexität eines Themas mag der Anspruch an die Reichhaltigkeit des Mediums wachsen. Soll beispielsweise der Umgang mit einer Aktie diskutiert werden, so sind hierbei neben den Zahlen verbildlichende und kumulierende Charts von Hilfe. Eine hohe Symbolvarietät kann unter Umständen auf verschiedene Lerntypen1 besser eingehen. Visuell orientierte Menschen profitieren von Bildern und Charts, auditive Typen hingegen verarbeiten primär Gehörtes. Haptisch veranlagte Personen wiederum lernen besser, wenn sie ausprobieren können. Letztendlich spielt die Symbolvarietät aber nur dann eine Rolle, wenn sich benötigte Inhalte über das Medium nicht transportieren lassen. Ein solcher Zustand wirkt sich auf die Nutzer schnell negativ aus.2 Ein Medium, das eine hohe Symbolvarietät bietet, erreicht tendenziell aufgrund erhöhter Flexibilität eine große, heterogene Nutzerbasis. Eine hohe Symbolvarietät stützt Informationsübermittlungsprozesse (Conveyance).

Google Wave bietet nativ durch Bereitstellung von Rich-Text, Grafiken und interaktiven Elementen in einem Ereignisraum eine hohe Symbolvarietät, welche über die Nutzung der bereitgestellten APIs weiter erhöht werden kann. Theoretisch ist auch das Einbinden eines externen Voice- und Video-Chat möglich. Dabei können die verschiedenen integrierten Medien durch Robots manipuliert werden und so miteinander interagieren.

1Vgl. [Quilling/Nicolini, 2009, S. 142].

2Vgl. [Dennis/Valacich, 1999] S. 15.

 

Geschwindigkeit des Feedbacks & Google Wave

Wie weiter oben erwähnt, wirkt sich dieser Faktor zentral auf das Maß der Synchronität des Mediums aus. Eine full-duplex Kommunikation erlaubt den Teilnehmern die unmittelbare Einflussnahme auf den Kommunikationsverlauf. Auf Schwierigkeiten bei der Interpretation kann beispielsweise durch Unterbrechen der Kommunikation und Stellen von Fragen reagiert werden. Nicht ziel-führende Kommunikationen können in eine neue Richtung gelenkt oder abgebrochen werden.1 Schnelles Feedback ist für Kommunikationsprozesse angeraten, deren Ziel der Konsens in der Gruppe ist (Convergence), da es die die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung erhöht. Die Qualität der Entscheidung wird von diesem Faktor jedoch nicht tangiert.2

Eine hohe Geschwindigkeit des Feedbacks lässt sich nach Dennis u.a. (1999) nicht mit einer hohen Parallelität vereinen, da hoch reaktive Systeme kaum Zeitraum für das Verstehen aller Standpunkte bieten.

Google Wave überträgt aktuell an einer Wave teilnehmenden Nutzern alle Änderungen in Echtzeit. Die Geschwindigkeit des Feedbacks übertrifft dabei jene herkömmlicher Chat-Anwendungen, da im Gegensatz zu diesen einzelne Buchstaben automatisch während der Eingabe übermittelt werden. Ein explizites „Abschicken“ von Informationen durch den Nutzer ist nicht notwendig. In Sachen Geschwindigkeit des Feedbacks lässt sich somit sagen, dass in Waves Face-to-Face Kommunikationen virtuell abgebildet werden können. Denn auch hier ist es möglich, Sender noch während der Formulierung einer Aussage zu unterbrechen und Diskussionen in Echtzeit zu lenken. Google Wave implementiert eine Möglichkeit, die Geschwindigkeit des Feedbacks auf das Niveau von Chat-Anwendungen zu senken. Dies geschieht wohl zugunsten einer höheren Überarbeitbarkeit und Verminderung überufernder Informationsflut bei großen Gruppen.

Nutzer, die während einer Diskussion nicht online sind, erhalten mit der nächsten Einwahl den aktuellen, persistent vorgehaltenen Stand der Diskussion. Ähnlich einer Briefkommunikation ist hier von einer niedrigen Geschwindigkeit des Feedbacks zu sprechen.

Bei der Arbeit mit Google Wave wird man also flexibel je nach durch die jeweilige Situation bestimmtem Bedarf von niedrigen oder hohen Feedback-Geschwindigkeiten profitieren.

Fazit: Die Geschwidigkeit des Feedbacks in Waves ist niedrig bis hoch.

1Vgl. [Dennis/Valacich, 1999], S. 17.

2Vgl. [Dennis/Kinney, 1998], S. 256ff.; [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 55.

 

Parallelität & Google Wave

Die Anzahl möglicher gleichzeitiger Kommunikationen bestimmt das Maß an Parallelität, welches neben der Geschwindigkeit des Feedbacks ein zentraler Einflussfaktor auf Convergence- und Conveyance-Prozesse ist. In großen Gruppen ermöglicht eine hohe Parallelität die Partizipation aller Gruppenmitglieder, wovon Informationsübermittlungsprozesse profitieren. Allerdings wird mit zunehmender Gruppengröße und Parallelität das Verfolgen der Konversationen schwieriger, da im Durchschnitt pro Zeiteinheit mehr Daten zu verarbeiten sind. Kontrollmechanismen, wie etwa Votings, helfen Umgebungen hoher Parallelität kontrollierbar zu halten. Finden hohe Parallelität und eine hohe Geschwindigkeit des Feedbacks zusammen, kann sich daraus eine Informationsflut ergeben, welche die Effektivität der Kommunikation gefährdet.1

Google Wave beschränkt weder die Teilnehmerzahl einer Wave, noch die Anzahl parallel laufender Waves. Der Grad an Parallelität ist deshalb als hoch zu bewerten. Um bei gleichzeitig möglicher hoher Geschwindigkeit des Feedbacks eine Diskussion mit vielen Teilnehmern kontrollierbar zu halten, könnten Erweiterungen nötig werden, welche zum Beispiel erlauben, Informationen zu verdichten. Statt einer Diskussion um die Frage, wer zu einem Treffen erscheint, ließe sich etwa ein Poll einrichten.

Fazit: Die Parallelität von und in Wave-Konversationen ist hoch.

1Vgl. [Dennis/Valacich, 1999], S. 17; [Dennis/Fuller/Valacich, 2008], S. 586.

 

Überarbeitbarkeit & Google Wave

Eine hohe Überarbeitbarkeit ermöglicht dem Sender, eine Nachricht genau so zu formulieren, wie er sie meint. Die Möglichkeit der Überarbeitung trägt damit im Allgemeinen zum Verständnis bei. Ein hohes Maß an Überarbeitbarkeit findet sich traditionell in Medien mit geringer Geschwindigkeit des Feedbacks, wie etwa in der E-Mail. In Umgebungen mit hohen Feedback-Geschwindigkeiten, wie etwa Chats, ist Überarbeitbarkeit bislang nur im geringen Maße oder nicht gegeben.

Google Wave erlaubt derzeit allen Teilnehmern die Überarbeitung der gesamten Wave, eine den Zugriff beschränkende Read-Only-Option ist jedoch geplant. Per heute können nicht nur jederzeit alle eigenen Beiträge einer Wave editiert werden, es sind auch Beiträge anderer Teilnehmer offen für Veränderungen. Änderungen werden entsprechend markiert und jeweils mit den Namen der Editierenden versehen. Sämtliche Änderungen werden in einer Revisionskontrolle gespeichert und sind über das Playback-Feature einsehbar. Die Kommunikation wird durch Nutzung dieser Funktion quasi im Zeitraffer gezeigt. Diese Maßnahmen sollen wohl wachsender Unübersichtlichkeit entgegenwirken. Änderungen in der gesamten Wave könnten durchaus Verwirrung stiften, wenn nicht leicht nachvollziehbar ist, welche Änderungen seit der letzten Informationsaufnahme aus der Wave durchgeführt werden. Es bestünde die Gefahr einer Inkonsistenz zwischen tatsächlichem und zugeschriebenen Informationsstand / Inhalt der Wave.

Bislang wird jede Eingabe des Nutzers direkt in die Wave eingebettet. Dieser Umstand resultiert zwar in einer hohen Geschwindigkeit des Feedbacks, trägt aber auch eine geringe Überarbeitbarkeit des gerade zu verfassenden Gedankens mit sich. In der Gruppe könnte dies das Gesamtverständnis beeinträchtigen. Eine Entwurfs-Modus wird sich - wohl aus genanntem Grunde - in späteren Versionen aktivieren lassen. Gerade in Bearbeitung befindliche Beiträge werden bei Aktivierung dieser Funktion erst nach expliziter Aufforderung durch den Nutzer abgeschickt. Zu vergleichen ist dies mit Entwürfen in E-Mail-Programmen.

Fazit: Die Überarbeitbarkeit einer Wave ist hoch.

 

Wiederverwendbarkeit & Google Wave

Der Grad der Wiederverwendbarkeit sagt aus, wie hoch das Maß ist, in welchem eine Nachricht erneut behandelt werden kann. Damit ist ein Zusammenhang zur Persistenz hergestellt. Es stellt sich im Kontext der Wiederverwendbarkeit die Frage, in wieweit das Medium die Inhalte einer Kommunikation im Speicher abbilden kann. Der Speicher dient einer Gruppe als „Gedächtnis“. Die Art der Datenaufbereitung bei Abruf bestimmt, wie effizient mit diesen Daten gearbeitet werden kann. Neu an der Kommunikation Teilnehmende sind über Medien mit hoher Wiederverwendbarkeit in der Lage, bisherigen Ablauf und Ergebnisse zu erfassen.

Wiederverwendbarkeit spielt oftmals eine Rolle bei der Frage des individuellen Verstehens einer Information (Deliberation-Phase). Damit wird sie mit zunehmender Komplexität der Kommunikation wichtiger. Insbesondere Conveyance-Prozesse profitieren von einer hohen Wiederverwendbarkeit, da in ihnen Kommunikationsteilnehmer Informationen individuell prozessieren.

Eine hohe Wiederverwendbarkeit kann durch die Ermöglichung des Überdenkens von Nachrichten zu erhöhten Antwortzeiten der Teilnehmer führen.

Kommunikationen in Google Wave weisen eine hohe Wiederverwendbarkeit auf. Waves werden komplett serverseitig gespeichert. Zudem verfügen Waves über eine Revisionskontrolle. Gesamte Kommunikationsabläufe lassen sich so erneut ansehen und nachvollziehen. Jeder Beitrag einer Wave ist wiederum in eine neue Wave übertragbar.

Fazit: Die Wiederverwendbarkeit einer Wave ist hoch.

 

Anwendungsbeispiel: Urlaubsplanung via Google Wave

Entwickler erhielten Anfang Mai 2009 die Möglichkeit, sich für die Verwendung eines Google Wave Sandbox Account zu bewerben. Bei der Sandbox handelt es sich um eine frühe Version einer Google Wave Umgebung, welche noch nicht alle Funktionalitäten des Endproduktes aufweist. Der Wave-Web-Client läuft in allen modernen Browsern. Alle im Folgenden beschriebenen Szenarien wurden von mir in der Wave-Sandbox ausführlich getestet.

Das Thema des Anwendungsfalls nennt sich „Urlaubsplanung via Google Wave“ und erstreckt sich über vier Phasen, denen jeweils ein Unterkapitel gewidmet sei. Es sei angenommen, einige Freunde wollten ihre Sommerferien auf Zypern verbringen. Der Kommunikationsablauf wird in vier Teilen ablaufen, wobei der Anspruch an das Medium von Fall zu Fall steigt. Die Initiierung der Kommunikation sei im Stile einer E-Mail geführt. Es erwächst daraus ein kollaborativ editierbares Dokument, welches im Anschluss bei der Klärung von Details die Züge einer Chat-Plattform annimmt. Schlussendlich finden Gadgets und Robots in die Wave und eine Einbettung in einen externen Blog findet statt. Dies soll einen Einblick in Umfang und Leistungsfähigkeit von Wave-Erweiterungen schaffen. Es wird gezeigt, wie mittels Wave ein im Verlauf komplexer werdendes Thema in Kollaboration behandelt wird. An einigen Stellen wird ein kurzer Vergleich mit E-Mail und Instant Messaging angestellt.

 

Kommunikationsaufbau - Wave als E-Mail-Ersatz (Phase 1)

Person A möchte mit seinen Freunden in den Urlaub fahren. Zur Diskussion des Themas lädt er diese (B, C, D) über den Google Wave Web-Client in eine neue Wave ein. Den Inhalt der Wave verfasst A rein textlich, wie in einer Plaintext-E-Mail. Ähnlich wie in einem E-Mail-Programm werden die Freunde nach der Einladung durch A über die neue Wave informiert. Sie können die Wave nun in der Inbox belassen, sie einem Ordner zuweisen und taggen. Jeder eingeladene Benutzer kann sich außerdem in die Wave einklinken und eine öffentliche oder private Antwort hinterlassen. Die Anzahl neuer Antworten seit dem letzten Besuch erscheint neben dem Titel der Wave in der Inbox. Person B antwortet, sie habe leider keine Zeit für den Urlaub. G-Mail ähnlich erscheint diese Nachricht nun im Thread der Diskussion. Kurze Zeit darauf ändert B seine Meinung und editiert seinen Beitrag – er sei verfügbar. Erst jetzt öffnet C die Wave. Im Gegensatz zu einer E-Mail-Diskussion wird er direkt mit dem aktuellen Stand der Diskussion konfrontiert. Von B's Meinungsänderung erfährt C erst durch das Playback-Feature, welches den kompletten Diskussionsverlauf Revue passieren lässt. Auch D meldet sich zu Wort, nachdem er sich sich über den Webbrowser seines Andriod1-Mobiltelefons in das Wave-Webinterface eingelogged hat. Er schlägt vor, den Urlaub direkt in der Wave zu planen.

Auf den ersten Blick kann Google Wave ähnlich einem E-Mail-Programm eingesetzt werden. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch eklatante Unterschiede. Eine E-Mail-Diskussion liegt grundsätzlich in Einzelteilen vor, welche in einigen Fällen durch das E-Mail-Programm zu einer Diskussion zusammengefasst werden. Eine Wave hingegen liegt dem Benutzer immer als Ganzes vor. Eine Revisionskontrolle erlaubt dabei das Nachvollziehen von Änderungen. Bei Betreten einer Wave ist immer der aktuelle Stand zu sehen. Veraltete und deshalb irrelevante Informationen, wie die ursprüngliche Absage von B im obigen Beispiel, treten in den Hintergrund.

In dieser Passage des Beispiels wird lediglich ein kleines Symbol-Set benutzt, nämlich ausschließlich (unformatierter) Text. Die Geschwindigkeit des Feedbacks ist hier gering, da die in die Wave eingeladenen Benutzer zur Zeit der Erstellung nicht online sind. Sie empfangen die Wave erst später. Anhand der überarbeiten Nachricht von B lässt sich sehen, dass eine hohe Überarbeitbarkeit gegeben ist. Parallelität und Wiederverwendbarkeit werden an dieser Stelle noch nicht beurteilt.

1Google Wave wird auch auf Browsern anderer moderner Mobiltelefon-OS funktionieren. Mir stand jedoch lediglich eine Google Android Plattform für meine Tests zur Verfügung.

 

Das gemeinsame Dokument zur Urlaubsplanung (Phase 2)

Alle Teilnehmer einer Wave sind außerdem Eigentümer der Wave. Das heißt, dass sie jedes Element der Wave manipulieren können. Änderungen werden entsprechend markiert, Autoren eines Wave-Items stets genannt. D editiert den initiierenden Beitrag von A. Er bereitet den Text grafisch auf und schlägt Ausflugsziele vor. Währenddessen lädt A Bilder zu den vorgeschlagenen Ausflugszielen in denselben Beitrag, welche dort umgehend erscheinen. C hängt später einen Reiseführer als PDF an. B schaut sich erst Stunden später das Dokument an und antwortet in der Wave, man möge die Ausflugsziele zusammen diskutieren.

In dieser Phase des Beispiels formten die Anwender die ursprüngliche Einladung zu einem multimedialen Dokument, welches von den Teilnehmern gleichzeitig bearbeitet wurde. Der Google-Wave-Client behandelt Inhalte dabei auf benutzerfreundliche Art und Weise. Per Drag-And-Drop in die Anwendung gezogene JPEG-Dateien erscheinen als Bilder, welche nach einem Klick darauf automatisch vergrößert werden und im Kontext als Gallery erscheinen.

Die durch Google Wave gebotene hohe Symbolvarietät wird in diesem Abschnitt genutzt. Die Anwender verwenden nun Rich-Text, Bilder und Dateianhänge in einem Conveyance-Prozess. Da mehrere Nutzer gleichzeitig auf das Dokument zugreifen, tritt hier der Faktor Parallelität an die Oberfläche. Die Anzahl der an der Wave teilnehmenden Nutzer ist theoretisch nicht beschränkt und erfährt nur durch technische Grenzen, etwa die Kapazität der Verbindung, eine Limitierung. Der Nutzer kann an beliebig vielen Waves gleichzeitig partizipieren, jede Wave kann beliebig viele Nutzer aufnehmen. Die Einschätzung, Google Wave ermögliche eine hohe Parallelität, kann bestätigt werden.

 

Chat in der Wave (Phase 3)

Es befinden sich nun alle Teilnehmer zeitgleich in der Wave, um den derzeitigen Stand der Urlaubsplanung zu diskutieren. Ein-jeder sieht in Echtzeit, Buchstabe für Buchstabe, was andere tippen. Die kurzen, zeitnahen Antworten der Freunde verleihen nun den Eindruck, in einem Chatroom zu sein. Gefasste Entschlüsse werden direkt in den Urlaubsplanungs-Beitrag (Wavelet) eingepflegt.

An dieser Stelle wird deutlich, wie hoch die Geschwindigkeit des Feedbacks in einer Wave sein kann. Der Empfänger kann eine Antwort bereits verfassen, während der Sender noch am Tippen ist. Jede Eingabe erscheint umgehend auf dem Bildschirm der Kommunikationspartner. Dieses Feature geht über die Fähigkeiten der meisten Instant Messaging und Chat Services hinaus, lässt sich in zukünftigen Versionen allerdings auch deaktivieren.

Laut MST lassen sich, wie weiter oben erwähnt, eine hohe Geschwindigkeit des Feedbacks und eine hohe Parallelität nicht vereinen. Hier scheint dies trotzdem der Fall zu sein. Dem einzelnen Nutzer bleibt selbst überlassen, von welchem Charakteristikum er gerade profitieren möchte. Er kann Beiträge in der Wave in Ruhe nachvollziehen oder an Punkten, die ihn gerade akut beschäftigen, selbst aktiv werden.

 

Neue Möglichkeiten über Gadgets, Robots, Embedding (Phase 4)

Nachdem nun alle Einzelheiten geklärt sind, fügt A der Wave ein Google-Maps Gadget hinzu. Es handelt sich dabei um eine voll funktionsfähige Instanz von Google-Maps, in der die Karte bewegt und bearbeitet werden kann. Die Freunde setzen Marker an die Orte, die sie besuchen möchten. Jeder sieht hierbei in Echtzeit die Änderungen der Anderen.

Nun wird E in die Wave eingeladen. E ist Griechin und spricht nur gebrochen die Sprache der restlichen Wave-Teilnehmer. Sie lädt deshalb den Robot Rosy in die Wave ein. Rosy ist ein Programm, das Inhalte einer Wave via Google Translate noch während des Verfassens übersetzt und etwa vierzig Sprachen beherrscht. Auf diese Weise können sprachliche Barrieren bei der Kommunikation überwunden werden.

Schlussendlich wird sich über einen wiederum in der Wave selbst stattfindenden Vote darauf geeinigt, die Wave in dem Blog der Freunde zu veröffentlichen. Hierzu wird die Embedding-API genutzt welche erlaubt, Waves in Websites und andere Applikationen zu integrieren vice versa.

Erweiterbarkeit und Integrierbarkeit sind die beiden Schlagworte, die dieser Abschnitt hervorheben soll. Integrierbarkeit lässt sich im Kontext der MST auch als Aspekt der Wiederverwendbarkeit verstehen. Dokumente in der Wave sind nicht nur jederzeit erneut prozessierbar, sondern auch aus der Wave hinaus transportierbar. Sie können in andere Waves kopiert oder in anderen Medien, etwa Websites, dargestellt werden. Die Wiederverwendbarkeit ist somit als hoch einzustufen.

 

Fazit

Die Betrachtung von Google Wave vor dem Hintergrund der Media Synchronicity Theory lässt folgern, dass das Potenzial des neuen Mediums sehr hoch ist. Es wurde festgestellt, dass die von Dennis u.a. (1999, 2008) definierten Charakteristika des Mediums sich bei Google Wave in losen Grenzen bewegen und eher von der Frage abhängen, wie der Benutzer das Medium verwenden möchte. Die Geschwindigkeit des Feedbacks kann beispielsweise niedrig bis hoch sein, auch das Maß der Parallelität gestaltet sich flexibel. Symbolvarietät, Wiederverwendbarkeit und Überarbeitbarkeit sind als hoch einzustufen. Das Anwendungsbeispiel bestätigt den in der theoretischen Betrachtung gewonnenen Eindruck. Auch wenn es laut MST kein Medium geben kann, das in jeder Situation das geeignetste Medium ist, so ist es doch möglich, dass sich mit Google Wave ein Medium finden wird, welches einen weit größeres Einsatzspektrum bietet, als bisherige Medien. Auch wenn sich über die MST Potenziale eines Medium einschätzen lassen, so kann sie dennoch keine Aussage bezüglich der Akzeptanz des Mediums bei den Stakeholdern treffen. Hier wären weitere Faktoren zu untersuchen; etwa Aspekte der Sicherheit, Benutzerfreundlichkeit, Gewohnheiten der Benutzer an ältere Medien und Umstiegshürden, sowie die Frage der kritischen Masse.

Aufgrund seiner OpenSource-Natur ist Google Wave kostengünstig einzusetzen und ausgezeichnet anzupassen. Wie von Dennis u.a. (1998) angeraten, könnten Tools integriert werden, welche Conveyance- und Convergance-Prozesse hocheffizient unterstützen. Intelligente Agenten könnten die Entscheidungsfindung der Gruppe überwachen und das Medium (Wave) entsprechend der aktuellen Kommunikations-Situation formen.1 Darin könnten sich Wege aufzeigen, Kollaboration effizienter zu gestalten.

Unternehmen könnten von Google Wave auf vielfältige Weise profitieren. Zum einen können Sie Teilnehmerschaft an Waves auch verkaufen und damit einen zusätzlichen Einnahmekanal schaffen, zum anderen können sie die Infrastruktur nutzen, um Robots in Kommunikationen zu platzieren. Diese Robots könnten Produkte bewerben, indem sie beispielsweise Schlagworte zu einem Link auf den eigenen Shop umformen. Sie könnten aber auch rein passiv agieren, um Werte und Interessen der Stakeholder zu identifizieren und damit Stakeholderbewusstes Unternehmenshandeln über den Zugang des Kommunikationsmanagement als Unternehmensaufgabe zu fördern.2

Google Wave hat meiner Meinung nach aufgrund seiner Flexibilität bei gleichzeitig gegebener Anwenderfreundlichkeit durchaus das Potenzial, einige bisher verwendete Medien (im Rahmen der Kollaboration) auf lange Sicht zu ersetzen oder sich zumindest mittels Gateways als darüber liegende Schicht zu etablieren. Da das freie Wave-Protokoll von jedermann genutzt werden kann, werden Applikationen, die zwischen Waves und anderen Medien verbinden, nicht lange auf sich warten lassen. Es existieren beispielsweise bereits vor Release der Public Beta Prototypen von E-Mail- und Twitter-Gateways. Hohe Benutzerzahlen sollten, gerade mit Blick auf diese Gateways, nicht lange auf sich warten lassen. Google hat zudem durch seine Marktkenntnisse sicherlich die Möglichkeit, sein neues Produkt angemessen an seine Stakeholder zu kommunizieren.

Die Frage, ob Nutzer mit der Flexibilität des Mediums umgehen können, wird sich erst nach dem Release von Google Wave beantworten lassen. Bisher kann man Google allerdings nicht vorwerfen, Produkte niedriger Usability entworfen zu haben. Borkhoff u.a. (2000) führen den Erfolg der E-Mail auf deren Strukturlosigkeit und Informalität zurück. Gerade Gruppenarbeit ist eben ein innovativer und flexibler Prozess, dem möglichst keine Grenzen gesetzt werden sollten. Diese Argumente sprechen ebenso für Google Wave.

Ich bin davon überzeugt, dass Google Wave als Innovation starken Einfluss auf die Softwarelandschaft nehmen und neue Anstöße in Sachen CSCW liefern wird. So, wie private Websites in Web2.0-Communities einflossen, kann sich auch für Kommunikation und Kollaboration im Allgemeinen ein gemeinsamer, oberer Layer etablieren.

1Vgl. [Dennis/Valacich/Speier/Morris, 1998], S. 59.

2Vgl. [Schmid/Lyczek, 2009], S. 127.

 

Literaturverzeichnis

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